Freitag, 27. März 2020

Die 3 größten Corona-Challenges für Eltern

Bisher dachte ich, das Krasseste, was einem in Sachen Heimquarantäne passieren kann, ist dass beide Kinder hintereinander die Windpocken bekommen. Dann kam Corona. Und plötzlich wünsche ich mir die Windpocken zurück.

Nicht, dass die lustig gewesen wären, aber was hatten wir da rückblickend für einen Luxus! Besuche von der Oma! Rausgehen mit dem jeweils gesunden Kind! Unsere größte Sorge war das schlechte Fernsehprogramm! Hätte mir damals jemand gesagt, was im Frühjahr 2020 auf uns zukommen sollte, ich hätte ihm den Vogel gezeigt.

Und jetzt haben wir alle den Salat beziehungsweise den Virus. Von einen Tag auf den anderen hat sich die ganz normale Welt in einen Zombiefilm verwandelt, für den meine Kinder eigentlich noch viel zu klein sind, um ihn sich anschauen zu dürfen.

Oft genug kommt es mir so vor, als würde gleich jemand „Haha, versteckte Kamera!“ rufen – nur, dass das dann leider doch nie jemand tut und der Film unbeirrt weiterläuft.
It’s the end of the world as we know it – und das für uns alle. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass diese bekackte Katastrophe gerade an Menschen mit Kindern noch ein paar besondere Sahnehäubchen des Wahnsinns austeilt. Damit will ich bei Gott nicht die Probleme all jener schmälern, die sich gerade auch kinderlos vollkommen zurecht beschissen fühlen, ich will nur allen Eltern da draußen sagen: Ich weiß, warum ihr gerade euren Kopf gegen die Wand schlagt.

Vielleicht, weil ihr gerade seit gefühlten Ewigkeiten versucht, neben zwei brüllenden Fressmonstern im Home Office eine (nur EINE!) E-Mail zu beantworten. Vielleicht, weil ihr seit zwei Stunden aus Klopapierrollen eine Ritterburg baut. Vielleicht auch nur, weil ihr gerade bemerkt habt, dass ihr beim letzten Hamsterkauf zwei Flaschen Wein zu wenig mitgenommen habt … Ganz egal, warum: Ich verstehe euch. Denn die folgenden drei speziellen Corona-Challenges für Eltern bleiben gerade kaum jemand von uns erspart.


Corona-Challenge für Eltern #1: Du musst funktionieren – auch wenn gerade sonst nichts funktioniert

Keine Schule, kein Kindergarten, keine Betreuungsmöglichkeiten – was Corona uns da gerade beschert, trifft besonders alle extra hart, bei denen beide Elternteile berufstätig sind. Ohne Kindergartentanten, Tagesmütter und Großeltern klappt nämlich das mühsam aufgebaute Kartenhaus ganz schnell in sich zusammen.

So sitzt man plötzlich in den umgepusteten Ruinen da und fährt die größte One-Man/Woman-Show seines Lebens. Denn dass Kindergartentante, Lehrerin, Köchin, Putzfrau und Entertainerin in einem schlecht funktioniert, ist klar. Dass ihr das Ganze aber nicht nur „neben“, sondern gleichzeitig mit eurem normalen Job machen sollt, nahezu unmöglich.

Meine größte Bewunderung gilt allen, die momentan da draußen als ÄrztInnen, KassiererInnen oder PflegerInnen unser System am Laufen halten – daneben komme ich mir beinahe schlecht vor, mich über die Arbeit im Home Office zu beschweren. Aber wer jemals versucht hat, neben zwei Kleinkindern auch nur zehn Minuten produktiv am Computer zu arbeiten, weiß, wovon ich rede.

„Maaama! Mama, schau! Mama, ich hab Hunger! Mama, mir is fad! Mama, was machst du da? Mama, was passiert, wenn ich auf den Knopf da drücke? Mama, schau wie schön ich die Wand angemalt hab! Maaaaama, Maama, MAMA!!!“

Und du willst deine Kinder wirklich nicht anschreien, aber du würdest auch wirklich gern deinen Job behalten! Und auch wenn deine Chefin sehr verständnisvoll ist, wenn sich während des Video-Chats dein Kleiner im Hintergrund wie Tarzan am Vorhang durchs Zimmer schwingt, irgendwann reißt dir der Geduldsfaden und du phantasiert davon, wie du die lieben Kleinen mit extrastarkem Paketband an die Kinderzimmerwand pickst. Gleichzeitig tun sie dir auch schon wieder leid, weil sie natürlich nicht verstehen können, warum Mama nicht „da“ ist, obwohl sie doch da ist – und du fragst dich nur noch, ob man dir heute den Pokal für die schlechteste Mitarbeiterin oder doch lieber den für die schlechteste Mama verleihen sollte.

Zu Mittag geht’s statt bequem in die Kantine gestresst in die Küche, wo in der Arbeitspause schnell, schnell ein nahrhaftes Menü zubereitet werden will, das sowohl den Kindern als auch dem Mann mundet. Nicht zum ersten Mal stellst du dabei fest, dass ihr plötzlich das gefühlt Hundertfache an Essen verbraucht wie sonst und du dich beim letzten Notfalleinkauf um ca. 67 Paar Frankfurter und 8 Flaschen Ketchup verschätzt habt. Und danach zurück zur Arbeit – nein, halt! Noch schnell Geschirrspüler einräumen, Waschmaschine starten, den Kindern einen Bastelblock zuwerfen und Hände waschen, Hände waschen, Hände waschen …


Corona-Challenge für Eltern #2: Du musst entertainen – auf einem völlig neuen Level

Durch Corona weiß ich jetzt, wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ als Horrorfilm ausgesehen hätte. „Mama, was machen wir heute?“ – „Nix!! So wie gestern und morgen und jeden verdammten Tag ab jetzt!!“ Nein, das sagst du natürlich nicht! Stattdessen sagst du Dinge, von denen du nie geträumt hättest, dass sie einmal deinen Mund verlassen würden. „Lass uns doch heute selber Knete machen!“ oder „Sollen wir aus Nudeln eine Feuerwehrstation basteln?“

Dank Corona bin ich gefangen in der Bastelhölle. Und alle, die mich kennen, wissen, was das für mich heißt. Doch was bleibt mir anderes übrig? Ich kann die Jungs schlecht 12 Stunden am Tag vor dem Fernseher parken und ich verstehe sie ja – ich dreh ja selbst am Rad! Mit drei und sechs Jahren will man sich keinen Baum durchs Fenster anschauen – man will schreiend drum herumlaufen, raufklettern, etwas aus seinen Ästen schnitzen …

Und ja, man „darf“ zwar noch spazieren gehen, aber nicht zu lang und nicht zu weit und überhaupt am allerliebsten allein. Traut man sich dann mal tatsächlich mit den Kindern hinaus zum nächsten Baum, fühlt man sich wie eine Widerstandskämpferin, die jeden Moment von der Polizei abgeführt werden könnte. Ganz nebenbei macht das viele Bogen-um-Leute-Laufen und „Nein, Schatzi, dableiben, nicht zu den Kindern hinlaufen!“-Brüllen müde und paranoid. Nach zehn Minuten auslüften scheuchst du die weinenden Kinder, die nicht verstehen, warum sie heute nicht auf den Spielplatz dürfen, also wieder nach Hause. Und bist dort wieder bis auf Weiteres „gefangen“.

Ja, gefangen mit Essen und Spielsachen und Bastelpapier – aber dennoch gefangen. Ich versuche mir einzureden, dass man sich an alles gewöhnt. Ich denke an lebenslänglich Inhaftierte. Und an Menschen ohne Fernseher. Und trotzdem bin ich deprimiert. Und wenn ich noch EIN Mal irgendwo lese, ich soll doch bitte genießen, dass ich endlich mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen kann …! Habt ihr eigentlich einen Dachschaden? Glaubt ihr, wir tanzen jetzt singend Hand in Hand als Familie um den Küchentisch, weil wir uns so darüber freuen, dass wir nicht mehr rausdürfen?!

Ich versuche mit allen Mitteln, meinen Kindern diese beschissene Zeit so schön wie möglich zu machen, aber das ist verdammt noch mal kein Partyspaß. Ich spiele 365 Runden Uno am Tag, ich bastle, ich male, ich baue Duploburgen und Polsterhöhlen – und dann ist es immer noch erst 10:00 Uhr vormittag!

Anfangs habe ich versucht, die Kinder ganz gefinkelt für Haushaltsaufgaben zu begeistern. „Kommt, jetzt räumen wir alle gemeinsam den Geschirrspüler aus!“ Die Kinder starrten mich daraufhin an, als hätte ich gerade vorgeschlagen, dass wir uns alle einen Finger abhacken. Also basteln wir. Und essen. Und basteln. Und essen. Wer hätte gedacht, dass ich mal vor dem Dilemma stehen würde, ob ich die Erdäpfel lieber hamstern oder für den Kartoffeldruck verwenden soll??


Corona-Challenge für Eltern #3: Du musst erwachsen sein – auch wenn du gerade selbst am liebsten heulend zu deiner Mama laufen würdest

Die wohl größte Herausforderung in dieser furchteinflößenden Zeit ist, dass du für dein Kind der Fels in der Brandung sein musst. Auch wenn dich dein Kleiner zum hundertsten Mal fragt, wann der blöde Coronavirus endlich wieder weg ist, musst du ihm glaubhaft versichern, dass alles wieder gut wird und zwar ganz bald.

Statt nach den Nachrichten in den Keller heulen zu gehen, holst du von dort nur eine neue Packung Play-Doh. Voller Überzeugung sagst du Sätze wie „Aber sicher können wir Oma und Opa ganz bald wieder besuchen!“ oder „Deinen Geburtstag feiern wir dafür doppelt so groß nach!“, während dir innerlich das Herz bricht.

Was antwortet man, wenn einen ein Sechsjähriger fragt, ob Corona weggeht, wenn er sich dafür gar nichts anderes vom Christkind wünscht? Wie reagiert man, wenn ein Dreijähriger wissen möchte, wie man betet, weil er dem lieben Gott gern sagen möchte, dass er Corona bitte wieder wegmachen soll? Ich stoße als Mama gerade jeden Tag so an meine Grenzen, wie ich es vorher nie für möglich gehalten hätte.

Einerseits bin ich unendlich froh, dass ich in dieser schrecklichen Situation wenigstens kleine Kinder habe, die mich mit ihrem Blödsinn ablenken und mich mit ihren verrückten Ideen trotz allem zum Lachen bringen. Auf der anderen Seite mache ich mir wegen den Kindern noch viel mehr Sorgen als sowieso schon. Was macht das mit meinen Jungs, wenn sie Wochen oder Monate lang zu Hause „gefangen“ sind, ohne ihre Freunde, ohne Spielplatz, ohne Oma und Opa und Kindergarten?

Wie wird es sie verändern, wenn sie trotz aller Bemühungen mit ihren feinen Antennen die Ängste und Sorgen von Mama und Papa jeden Tag ungefiltert mitbekommen? Vielleicht mache ich mir auch zu viele Gedanken und das Traumatischste, was die beiden aus dieser Zeit mitnehmen werden, ist, dass ich ihnen selbst die Stirnfransen schneiden musste – ich weiß es nicht.

Man sagt, ein Trauerprozess verläuft in fünf Stufen: Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Bis auf Akzeptanz hab ich jetzt dann alles durch – die Dinge können also nur noch besser werden. Und ich habe das starke Gefühl, dass ich mir noch ein paar Tränen aufsparen sollte.

Die brauch ich nämlich dann, wenn meine Jungs das erste Mal wieder johlend in den Kindergarten laufen. Wenn ich meine Mama wieder umarmen kann. Wenn ich das erste Mal das Meer wiedersehe. Und wenn für uns alle die Freiheit wieder nur einen Schritt von der Haustür entfernt ist.

Montag, 11. November 2019

Das letzte Abendma(h)l

Ich bin eine große Verfechterin des Familienessens. Ich finde es wichtig und schön, wenn abends alle gemeinsam an einem Tisch sitzen, um sich zu unterhalten und vom Tag zu erzählen. Ihr wisst schon, so schön Klischee: Reich mir mal das Salz, mein Schatz, wie war dein Tag? Gut Mama, und was hast du wieder für ein köstliches Essen für uns alle gekocht!

Zur Zeit bedienen wir allerdings allabendlich ein ganz anderes Klischee. Jeden Abend wird geweint, gebrüllt und geschimpft, bis die Nerven blank liegen. Reich mir doch mal den Wein, mein Schatz, ich muss mir jetzt diese verzogenen Gören schön saufen …

Dabei erwarte ich meiner Meinung nach nicht viel von meinen Kindern. Ich weiß, dass es für Jungs in einem gewissen Alter nichts Langweiligeres gibt, als an einem Tisch zu sitzen und etwas zu essen, das nicht schon beim bloßen Anblick Karies verursacht. Und ich mute ihnen auch nicht zu, sich in einem Restaurant stundenlang brav und artig zu benehmen (überhaupt seit mein Großer beim letzten Gasthausbesuch den armen Pensionisten mit Augenklappe am Nebentisch gefragt hat, wo denn sein Piratenholzbein sei …). Aber im Pyjama gemütlich zu Hause am Esstisch zu sitzen und etwas Leckeres von Mama Gekochtes zu essen, ist doch nicht zu viel verlangt, oder???

Scheinbar aber doch. Das Drama nimmt nämlich schon seinen Lauf, wenn das Essen noch gar nicht am Tisch steht. „Jungs, in 5 Minuten gibt’s Essen, räumt ihr dann mal langsam zusammen?“ Spätestens jetzt brechen Protestgeheul und Hysterie aus. Denn obwohl ich sie seit einer halben Stunde im Sekundentakt vorwarne, dass es jetzt dann aber wirklich bald Essen gibt, fühlen sie sich jedes Mal hinterrücks überrumpelt und völlig außer Stande, ihr explosionsartig über das gesamte Wohnzimmer verteiltes Spielzeug zu verlassen. „Aber ich hab doch GRAD erst angefangen mit dem Superhelden-Detektiv-Echsen-Einsatz!“, „IMMER muss ich abendessen, NIE darf ich spielen!“ … Jo, genau.
„IMMER muss ich abendessen, NIE darf ich spielen!“

Habe ich die beiden dann doch dazu gebracht, dass sie sich tödlich beleidigt an den Tisch setzen, folgt unweigerlich der 2. Akt: Blick auf den Teller und alle gemeinsam: „Wäääh! Ich mag das nicht!“. Egal, was ich koche, es passt einfach nie. Und Gnade mir Gott, wenn auch nur ein Nanomillimeter Gemüse dabei sein sollte. Selbst, wenn ich ihre Lieblingsspeise koche, ist die ganz plötzlich an diesem Tag „voll eklig“.

Es ist für mich denkbar schwer, genau jene Kombination zu erraten, die an diesem Tag genehm gewesen wäre. Während der eine brüllt, dass er das sicher nicht essen werde und wenn, dann nur das Püree, beschwert sich der andere darüber, dass er aber nur Schnitzel mag. Und ob ich nicht gesehen hätte, dass das Ketchup genau auf einem Millimeter Fläche schon sein Fleisch berührt!

Mittlerweile habe ich an diesem Punkt resigniert. Soll der Kleine doch nur einen mannshohen Haufen Püree essen und dem Großen tupfe ich das Ketchup feinsäuberlich vom Schnitzel, obwohl er es drei Sekunden später dort selbst wieder eintaucht – mir doch alles egal.

Aber, Herr im Himmel, auch das ist nicht genug. Kaum sieht der Kleine seinen Püreeteller, fängt er herzzerreißend zu weinen an, weil ich doch GENAU weiß, dass er gar kein Püree mag! Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit bewegt ihn dazu, seinen TrippTrapp-Stuhl fluchtartig zu verlassen und sich brüllend unterm Esstisch zu wälzen. Währenddessen schüttet der Große wie jeden Abend sein Glas um, versucht, aus seinem Schnitzel eine Transformer-Burg zu bauen und bohrt gleichzeitig in der Nase.

Ich versuche, die Ruhe zu bewahren und ausnahmsweise nicht zu schimpfen. Wenn der Kleine nichts essen will, werde ich ihn nicht zwingen. Ich schiebe das brüllende Bündel unterm Tisch mit dem Fuß ein bisschen zur Seite, wische oben das zweite Glas Saft auf und schaue meinem Großen dabei zu, wie er mit der Gabel in der Hand aus dem Fenster schaut, Laternenlieder singt, sich das Ketchup in den Pyjama schmiert und das Schnitzel, das er vorher so unbedingt essen wollte, unberührt liegen lässt. Darauf angesprochen meint er, dass er doch gesagt habe, er esse heute sicher nur Püree. Schwer um Fassung ringend schaufle ich ihm also das Püree vom Teller des Kleinen auf seinen Teller.

Sobald der Große dann tatsächlich das gesamte Püree gegessen hat, ist das das Stichwort für den Kleinen, plötzlich wieder aus der Versenkung aufzutauchen und vehement nach seinem „PÜREE!!!“ zu verlangen. Als er bemerkt, dass dieses in der Zwischenzeit sein großer Bruder aufgegessen hat, eskaliert die Situation. Der Kleine brüllt, weil er doch sooo Hunger auf Püree hat, der Große weint, weil er jetzt draufkommt, dass er gerade etwas gegessen hat, das „sicher schon der Nico angeschlazt hat“ und Mama verliert endgültig die Nerven.

„KANN ICH BITTE EINFACH NUR MAL EINE MINUTE IN RUHE ESSEN!!!!“. Die Kinder schauen mich verständnislos an. Gerade so, als könnten sie nicht verstehen, warum die Mama das idyllische Familienabendessen immer so unhöflich stören muss. An diesem Punkt sind beide Kinder so eingeschüchtert, dass sie mit etwa 30-minütiger Verspätung endlich beginnen, doch zu essen. Das bedeutet für mich, dass ich ab jetzt im Minutentakt in die Küche laufe, um mehr Ketchup/noch Püree/eine andere Gabel/100 Blätter Küchenrolle zu holen, während mein eigenes Essen kalt wird. In den letzten 2 Minuten stopfe ich mir noch schnell alles hinein, was auf meinem Teller liegt und denke mir: Das war jetzt das letzte Ma(h)l, morgen esse ich fix erst, wenn die Kinder im Bett sind. Bis mir einfällt, dass mein Essen dann genauso kalt wird, weil dann alle 2 Minuten einer aufs Klo muss/unbedingt was trinken will/seinen Polster nicht mehr findet …

Montag, 16. September 2019

Der Zettel, vor dem alle Eltern sich fürchten

Gerade eben habe ich noch das Planschbecken aus dem Keller geholt und – schwupps! – knappe 3.500 Mal Schwimmflügel aufblasen später ist er schon wieder vorbei, der Sommer.

Nix mehr Urlaub und Ausflug zum See, stattdessen back to reality. Und vor allem: Back to Kindergarten. Brotdose, Trinkflasche, Matschgewand, Rucksack, Gummistiefel, Kuscheleckenpolster und was so ein kleines Kind halt noch so alles braucht, wenn es zirka drei Stunden am Stück außer Haus ist, liegen schon im Vorraum bereit und ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder es mir grauen soll.

Auf der einen Seite ist es ja so, dass ich nicht gerade untröstlich bin, wenn mein geliebtes Kind und ich jetzt dann nicht mehr 24 Stunden am Tag zusammen verbringen müssen, äh dürfen. Ja ja, Mutterliebe, Trennungsschmerz, pipapo, aber jetzt mal ehrlich: Man kann auch nur so oft in den Zoo/ins Kindermuseum/ins Bällebad/auf den Spielplatz gehen, bevor man als Mama schlicht und einfach den Verstand verliert.

Drei Wochen Kinder-Vollbespaßungsprogramm ist für meinen Geschmack wirklich genug, danke, da dürfen ab jetzt dann gern wieder die Profis Pädagoginnen mitspielen und mit meinem Kind 500 Papier-Dinosaurier am Tag basteln.


Aber so sehr ich mich auch darauf freue, wieder mal einen halben Tag ohne Lego, Playdoh & Co. verbringen zu dürfen, sehe ich ihn unweigerlich bereits vor meinem inneren Auge: den Zettel. Und im Vergleich zum Zettel spiele ich lieber die nächsten sechs Monate in Endlosschleife Kinder-Uno.

Und sagt mir jetzt nicht, ihr kennt den Zettel nicht. Den Zettel gibt es nämlich meines Wissens nach in jedem Kindergarten zwischen hier und Bad Kleinkirchheim. Bereits von Weitem sieht man ihn spätestens zwei Wochen nach Kindergartenstart in der Garderobe hängen, getarnt in einer lustigen, kindgerechten Farbe, damit Mama nicht schon bei der Haustür wieder umdreht und wieder nach Hause fährt.

Nachdem es ja eh nichts nützt, nähere ich mich resigniert dem Zettel und schließe mit mir selbst eine Wette ab, was es diesmal ist. Sollte ich die Wette verlieren, muss ich mich heute endlich in die Buffet-Mitbring-Liste für das Laternenfest eintragen, für die mir nie etwas einfällt, das kindgerecht/gesund/stylish genug zur allgemeinen Präsentation wäre.

„Liebe Eltern! In unserer Gruppe ist ein Fall von XXX aufgetreten. Bitte achten Sie bei Ihrem Kind auf Anzeichen wie blablabla…“. Die XXX werden dann im Wochentakt bunt durchgewechselt. Mal steht da „Scharlach“, mal „Windpocken“, mal „Magen-Darm-Grippe“, mal „Hand-Mund-Fuß“ (im Ernst, hat irgendjemand von dieser Krankheit gehört, bevor er Kinder hatte?! Für mich klingt das heute noch wie Maul-und-Klauen-Seuche …) – und ganz besonders oft und beliebt: „Läuse“.

Mittlerweile bin ich dem Thema Läuse gegenüber aufgrund des inflationären Auftretens des dazugehörigen Zettels abgestumpft. Ob es beim Billa nun 25 Prozent auf Frischfleisch in Bedienung oder im Kindergarten Läuse gibt, ist für mich auch schon wurscht. Das erste Mal, als ich den Läuse-Zettel im Kindergarten sah, bekam ich aber auf der Stelle einen mittelschweren hysterischen Anfall und raste auf direktem Weg in die Apotheke, um mich dort mit einem Rundum-sorglos-Paket an Anti-Lausmitteln einzudecken. Sofort wurden beide Kinder präventiv mit Weidenrinden-Shampoo grundgereinigt und bei jedem Kratzen in Kopfnähe wurde der Lauskamm in Habtachtstellung gebracht.

Seltsamerweise sind wir (bis jetzt) von den ekligen Viechern verschont geblieben, und das wundert mich wirklich sehr. Denn wenn ich eines in den ersten Jahren als Mama eines Kindergartenkindes gelernt habe, dann, dass Kinder gnadenlose Bazillenschleudern sind.

Hat einer eine Erkältung, haben unweigerlich alle eine Erkältung. Den letzten Kindergeburtstag meines Großen verbrachte ich so zum Beispiel mit meinem ganz eigenen Partyspiel „Fang das Rotz“, bei dem es galt, sechs kleinen Jungen im Kreis die triefende Nase zu putzen. Fängt erst einer mit der ersten Schnupfennase an, ist das Rad ins Rollen gebracht – und lässt sich zumindest bei uns den ganzen Herbst und Winter nicht mehr stoppen. Schnupfen, Halsweh, Husten – ja, hier, wir machen mit!

Dass die eigene kleine Bazillenschleuder die schönsten Andenken aus dem Kindergarten natürlich auch noch nach Hause bringt, ist ein weiteres beliebtes Extra, damit auch Mama und Papa was davon haben. Im Prinzip kann ich jetzt meine nächsten Treffen mit irgendjemandem schon wieder erst für April 2020 ansetzen, denn davor wird unweigerlich immer einer von uns krank sein.

Im Ernst, so ein Kindergarten kommt mir oft schlimmer vor als die Seuchenstation eines Krankenhauses in Burundi. Wo haben die Kleinen diese ganzen Sachen nur her?? Sollten sie nicht eigentlich noch vor Gesundheit strotzen bei den ganzen sorgfältig ausgewählten Dinkelcrackern, selbst gezogenen Bio-Karotten und mühevoll noch vor der Arbeit gesteckten Obst-Spießchen, die man ihnen in die Feuerwehrmann-Sam-Jausenbox packt?!

Sei’s wie’s sei, immerhin weiß ich dieses Jahr schon, was auf mich zukommen wird. Ich weiß, dass ich keinen Winterurlaub mehr zu buchen brauche, weil sowieso mindestens einer von uns wegen eitriger Angina nicht fahren kann. Ich weiß, dass auch der bestellte Nikolaus in letzter Sekunde aus Krankheitsgründen wieder abgesagt werden muss. Ich kenne die Symptome jeglicher Kinderkrankheiten, weiß, wie lang die Inkubationszeit von Windpocken ist (Spoiler: genau so lange, bis man in der Früh aufsteht, um eigentlich in den Winterurlaub zu fahren) und kann eine Nureflex-Spritze mittlerweile blind mit der richtigen Füllmenge aufziehen. Also lieber Zettel, bring it on – mir jagst du so schnell keine Angst mehr ein! 

Montag, 9. September 2019

Bitte einmal Urlaub vom Urlaub - mit Kindern...

Flieg nach Mallorca, haben sie gesagt, das wird lustig, haben sie gesagt … Grundsätzlich bin ich ja ein großer Fan von Urlaub. Vielleicht ein etwas weniger großer Fan von Urlaub mit Kindern (worüber ich an anderer Stelle ja schon ausführlich berichtet habe), aber immer noch Fan. Doch dann erlebt man immer wieder mal diesen einen Urlaub, bei dem einfach alles schief geht. Bei dem man danach noch viel urlaubsreifer ist als man es davor war.


Und genau von dem erzähle ich euch jetzt. Einerseits zu Zwecken der Selbsttherapie – vor allem aber für alle Mamas, die dieses Jahr vielleicht auch einen Urlaub erlebt haben, in dem sie mehr an ihren grauen Haaren als an ihrer Urlaubsbräune gearbeitet haben.

Grundsätzlich dachte ich ja, dass wir urlaubsmäßig aus dem Gröbsten raus sind. Mit einem Fünf- und einem Dreijährigen sind zumindest Probleme wie „Wann/wie/wo soll das Kind nur seinen Mittagsschlaf machen?“ oder „Warum fliegt der Schnuller immer genau in den Sand?“ (obwohl, ersetze „Schnuller“ durch „Eiskugel“ und du hast dasselbe Drama) nicht mehr allzu relevant. Ich hatte jedoch nicht mit der neuen Art von Urlaubs-Challenges gerechnet, mit denen ich es diesmal zu tun haben sollte.

Vielleicht lag es auch daran, dass wir uns als Urlaubsziel das allseits beliebte Mallorca ausgesucht hatten. Ich konnte mir bis dato unter der Insel nicht viel anderes vorstellen als Sangria aus Kübeln und Jürgen Drews, aber genügend Freunde hatten mir glaubhaft versichert, dass es abseits vom Ballermann ein wunderschönes Fleckchen Erde sein sollte. Und ein kurzer Vergleich der Flugpreise machte es schnell klar: Dieses Jahr ging es – olé, olé – nach Malle.

Die ersten Wolken am Urlaubshimmel zogen jedoch bereits auf, bevor wir überhaupt auf der Insel eintreffen sollten. Pünktlich am Vorabend des Fluges wurde nämlich der liebe Göttergatte krank. Vollgepumpt mit der gesamten Palette an Aspirin-Produkten quälte dieser sich zwar trotzdem am nächsten Tag zum Flughafen, das Bespaßungsprogramm für die Jungs lag aber erst mal ganz und gar in meiner Hand.

Und ich könnte euch jetzt erzählen, wie es ist, zwei unter 6-Jährige mit einem Stapel Pixibüchern und einer Tüte Gummibärli bei Laune zu halten, wenn bereits angeschnallt im Flieger statt der Durchsage „Ready for take-off“ eine mindestens 30-minütige Verspätung verkündet wird. Oder welchen Spaß es macht, wenn dann am Zielort am Gepäckband, bei der Autovermietung und beim Hotel-Check-in alles schief geht. Stattdessen möchte ich euch stellvertretend von unserem ersten Tag auf Mallorca erzählen.

Während der Göttergatte nach dem mit zwei Kleinkindern natürlich unglaublich entspannten Buffet-Frühstück („Jetzt will ich Nutella! Jetzt mag ich Kuchen! Saft, ich will jetzt Apfelsaft!!“) wieder zurück ins Krankenbett wanderte, versuchte ich, die Urlaubslaune hoch zu halten. So ein Tag allein mit den Jungs am Pool, was sollte da schon groß dabei sein?

Dass die Sache nicht ganz so spaßig und relaxed werden würde, wie ich mir das in meinen „Mutti allein im Urlaub“-Plänen vorgestellt hatte, merkte ich allerdings schon auf dem Weg zum Pool. Kennt ihr das eigentlich, wenn ihr euch vollbepackt mit einer Badetasche so groß wie ein Kleinwagen und links und rechts ein Sortiment an Schwimmflügeln, aufblasbaren Gummikrokodilen und Jausenrucksäcken balancierend vorantastet, plötzlich partout auch noch beide Kinder (die das sonst wie die Pest hassen) „Haaand geben!“ wollen??!

In einer wackeligen Polonaise, halb Kind, halb Krokodil, halb Wasserball schafften wir es irgendwie trotzdem ans verlockende Nass. Nur um dort festzustellen, dass wir definitiv bereits vor 07.00 Uhr hätten aufstehen müssen, um dort noch eine Liege zu ergattern. So weit das Auge reichte, waren sämtliche Liegestätten mit Handtüchern, aufblasbaren Schwimminseln oder auch einfach nur einem Paar Flip-Flops reserviert – genau wie in meinen schlimmsten Malle-Albträumen. Nicht, dass ich nicht locker dasselbe hätte tun können, schließlich verstehen meine Kinder auch im Urlaub das Konzept des Ausschlafens nicht, aber ich werde VERDAMMT NOCH MAL NIEMALS SO TIEF SINKEN, MIR UM 05.30 UHR EINE POOL-LIEGE ZU RESERVIEREN!!!

Wie durch ein Wunder erspähte ich dann doch noch eine Liege, von der der Reservier-Schwimmreifen halb runtergerutscht war – für mich die perfekte Ausrede, sie mir knallhart anzueignen. Dass die Liege in der prallen Sonne lag und darauf eigentlich nur ein halber Kinderhintern Platz hatte, war mir in dem Moment denkbar wurscht. Mit letzter Kraft trötete ich die Schwimmflügel auf, quetschte sie an das nächstbeste Kinderkörperteil und warf mich und beide Jungs ins Wasser. Umgeben von 3.000 arschbombenden Kindern genoss ich so die absolute Urlaubsidylle – bis mein Großer verkündete, er müsse jetzt und sofort Lulu.

Da ich ihn ja unmöglich in den Pool pinkeln lassen wollte (Ok, ich geb’s zu! Ich hab gesagt, er soll einfach reinpieseln, aber es geht ja nicht in seinen Schädel, dass sich im Becken die Badehose runterzuziehen und sein bestes Stück rauszuholen, nicht das ist, was ich mit „unauffällig“ meine …), hieß es für die gesamte Mannschaft also raus aus dem Becken und im Dreiermarsch ab auf das wenig charmante öffentliche Klo.

Zurück von der Klo-Expedition versuchte ich, die Gunst der Stunde zu nützen, und die Jungs zumindest mal für 10 Minuten zu einer Schwimm-Pause zu überreden. Also quälte ich mich mit dem Großen durch ein Rätselheft, während ich den Kleinen mit einer Packung Butterkekse ruhigstellte.

Und ja, ich gebe zu, ich habe dabei möglicherweise nicht so ganz genau darauf geachtet, wie viele er davon in sich hineingeschaufelt hat, während ich diesen verdammten letzten Fehler im Bauernhof-Suchbild suchte. Definitiv dürfte es aber mindestens eines zu viel gewesen sein. Was ich leider erst bemerkte, als Nico beim nächsten Sprung in den Pool eine zielgerichtete Kotze-Fontäne aus Butterkeksbrei von sich gab.

Während ich die Speibe mit beiden Händen auffing (echt jetzt) und unauffällig versuchte, sie in der Zierpflanze am Poolrand zu entsorgen, damit den anderen Mamas die verdächtigen gelblichen Schlieren nicht auffielen, die von meinem Kind aus durchs Wasser zogen, zerstörte Noah natürlich meine Strategie mit einem sirenenmäßig lauten „Wääääh, Mama, der Nico speiiiiibt!!“.

Bereits jetzt war mein Stresslevel statt im Urlaubs-Relax-Bereich im Ich-geb-mir-gleich-die-Kugel-Bereich und ich verfluchte mich dafür, dass ich jemals die blöde Idee gehabt hatte, auf Urlaub zu fahren. Es hätte mich auch nicht überrascht, wenn mich in dem Moment jemand angesprochen hätte, ob ich nicht die Hauptrolle in der nächsten ATV-Doku über überforderte Mütter spielen wollte.

Selbst in der wäre allerdings vermutlich die Szene rausgeschnitten worden, als ich keine zehn Minuten später versuchte, ganz dezent ein braun triefendes Kind aus dem Pool zu ziehen. Ich sage nur: Schwimmwindel-Gack. Betroffene wissen, was das bedeutet. Und was soll ich sagen, auch jetzt handelte ich in meiner Solo-Mama-Verzweiflung äußerst ATV-mäßig. Ohne Wickeltisch erschien mir die Wahl zwischen „braunes Kind in der öffentlichen Dusche abspülen und mit der Sch… den Abfluss verstopfen“ und „im öffentlichen Klo am Boden das Kind wickeln“ wie die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Deshalb zog ich dem fröhlich stinkenden Kind heimlich im winzigen Schatten unserer Liege die besudelte Windel aus, wischte die bräunlichen Wasserpfützen notdürftig unter die Nachbarliege und warf das Kind mit einer neuen Schwimmwindel einfach wieder in den Pool.

Mir ist klar, dass jetzt wahrscheinlich nie wieder jemand mit mir auf Urlaub fahren will. Wahrscheinlich nicht einmal mein Mann, dem ich zurück im Hotelzimmer verkündete, dass die Jungs und ich einen ganz fantastischen, super relaxten Tag am Pool verbracht hatten …

Montag, 13. Mai 2019

Die Planung eines Kindergeburtstags? Der reinste Kindergeburtstag

Fünf Jahre lang habe ich es geschafft, mich vor einer klassischen Kindergeburtstagsparty zu drücken. Bis dahin war es den kleinen Herrschaften immer genug gewesen, wenn Oma und Opa, Cousin und Cousine, Torte und Geschenke zum großen Ereignis erschienen.

Doch als im Kindergarten eine Geburtstagseinladung nach der anderen ins Haus flatterte, war mir klar: Dieses Jahr musste ich dran glauben. Niemals im Leben würde Noah sich dieses Jahr damit zufriedengeben, mit Oma im Garten Schokokuchen zu essen, während seine Freunde an ihrem Ehrentag mit der Bällekanone im Indoor-Spielplatz (ein Ort des absoluten Grauens übrigens, falls euch das bis jetzt erspart geblieben sein sollte) herumballern durften.

Bereits beim Anblick der anderen Einladungen wurde mir klar, dass ich offenbar nicht für solche Dinge geschaffen bin. Während Noah gefühlt täglich Flaschenpost-, Piraten- und Dinosauriereinladungen nach Hause brachte, inklusive perfekt hineingephotoshopptem Bild des glücklichen Geburtstagskindes, dachte ich mir nur: Ich hasse es jetzt schon.

Sicher wollte ich, dass mein Kind auch einen schönen, lustigen, absolut wunderbaren Geburtstag erleben sollte, aber als absolut talentfreie Bastellegasthenikerin würde ich schon daran scheitern, bei der Einladung halbwegs mitzuhalten.

Auch eine halbherzige Pinterest-Recherche ergab nur, was ich bereits befürchtet hatte: Ohne Spezialausbildung an der Heißklebepistole blieb uns der Weg ins Kindergeburtstags-Nirvana wohl verwehrt. Beschämt klickte ich einen 8er-Pack Paw-Patrol-Fertigeinladungen in meinen Amazon-Einkaufskorb, bei denen man nur noch Uhrzeit, Ort und Name des Kindes selbst einfüllen musste. „Mom Of The Year“-Award, ich komme …

Bei der Location-Wahl für die große Sause stieß ich auf das nächste Problem. Zoo, Indoor-Spielplatz,…. Alles toll, toll, toll und wie gerne hätte ich darauf verzichtet, sechs brüllende halbstarke in meinem Schuhschachtel-Reihenhaus unter Kontrolle zu halten. Aber. Muss so eine Feier für einen 5-Jährigen wirklich schon so ein großes Happening sein? Hatte er nicht verdammt noch mal sogar das Recht auf eine richtige, echte Kindergeburtstagsparty, wie sie früher einmal war? Mit Topfklopfen, Schokoladeessen und Eierlauf, stinknormal zu Hause mit den besten Freunden?

Gänzlich old-school luden wir also fünf Kindergarten-Jungs in unsere eigenen vier Wände ein. Und ich konnte bei dem Gedanken daran, wie sie wie eine Horde wild gewordener Elefantenbullen unser Haus zertrampeln würden, für Wochen nicht mehr ruhig schlafen. Ich konnte ja meine eigenen zwei Jungs kaum in Zaum halten, wie sollte ich dann verhindern, dass fünf fremde Kinder mit meiner einzigen guten Salatschüssel Fußball spielten?!

Sicher wusste ich, dass das grundsätzlich alles liebe Jungs waren – ich wusste aber auch, auf welche Ideen meine eigenen grundsätzlich lieben Jungs oft so kamen. Und sind wir uns mal ehrlich, das Problem ist ja, dass man bei fremden Kindern weitaus größere Hemmungen hat, sie so … sagen wir mal „klar verständlich“ auf ihre Fehler hinzuweisen als bei den eigenen!

Mein Masterplan sah also so aus, dass ich einfach mit einem unfassbar lustigen Partyprogramm verhindern würde, dass eines der Kinder auch nur eine Minute Zeit hatte, sich Blödsinn auszudenken. Obwohl, sollte man die Kinder nicht lieber frei spielen lassen? Aber was war dann mit dem Topfklopfen??

Wieder einmal befragte ich meinen Freund Google – und musste feststellen, dass die Planung von Kindergeburtstagspartys wohl mittlerweile zur Wissenschaft geworden war. Anleitungen für ganze Mottopartys fand man da im Netz, penibel durchgeplant von der Piraten-Schnitzeljagd mit mehreren Aktivitäten-Stationen bis hin zum durchdesignten Mitbringsel-Sackerl für die Gäste. Und wieder dachte ich mir nur: Nein. Ich will nicht fünf Stunden darauf verwenden, eine Feuerspeiender-Drache-mit-Erdbeeraugen-Torte zu backen. Oder beim örtlichen Copyshop Riesenleinwände zum Dino-Dosenschießen auf A0 ausdrucken lassen.

Was ich wollte, war maximaler Kinderspaß mit minimalem Aufwand. Und eines kann ich euch gleich verraten: Letzten Endes bin ich dann doch die halbe Nacht vorm großen Event in der Küche gestanden, habe Dino-Salzteigeier zusammengematscht und Kuchen gebacken, das Wohnzimmer dekoriert und meine gute Salatschüssel in Sicherheit gebracht. Bevor die Feier überhaupt angefangen hatte, war ich fertig mit der Welt und freute mich nur noch auf den Moment, wo ich mir ein wohlverdientes Glas Hätten-wir-das-auch-geschafft-Sekt einschenken durfte.

Davor stand mir allerdings noch ein ganzer Nachmittag Wahnsinn ins Haus. Und ja, gewissermaßen war es genau so, wie ich es mir in meinen schlaflosen Nächten vorgestellt hatte. Es wurde gebrüllt und getrampelt, gezankt und gekleckert. Aber: Es wurde auch gelacht und gequietscht, laut und falsch „Happy birthday“ gesungen und Schwedenbomben um die Wette gegessen (übrigens mit 0,5 Sekunden Gesamtdauer das zeiteffizienteste Spiel der Welt) – genau so, wie es bei einem klassischen Kindergeburtstag sein sollte.

Insgeheim wünsche ich mir zwar trotzdem, dass Noah nächstes Jahr ganz unbedingt im Zoo feiern möchte, aber immerhin weiß ich jetzt: Kindergeburtstag, können wir! Und: Nächstes Mal kauf ich vorher Ohropax …

Mittwoch, 16. Mai 2018

Das Quetschi-Dilemma

Es gibt ein paar Kinderprodukte, für die ich eine glühende Hass-Liebe empfinde. Eigentlich wären sie dazu da, den Alltag mit den kleinen Despoten zu erleichtern. Zumindest bei uns haben sie aber leider oft genau den gegenteiligen Effekt. Nicht immer, denn dann könnte man ja einfach sagen: Gibt’s nicht und aus. Nein, das Problem ist etwas kniffliger! Manchmal sind diese Dinge kleine Lebensretter, das nächste Mal Auslöser allergrößter Dramen. Was es diesmal wird? Weiß man vorher leider nicht. Ich nenne es: das Quetschi-Dilemma.

Das Quetschi
Fangen wir doch gleich mit dem Namensgeber meines Dilemmas an. Ohne genau zu wissen, was ich damit meine, beschleicht einige Mamas jetzt wahrscheinlich schon eine leise Vorahnung. Erinnert euch doch mal an das letzte Mal, als ihr eurem kleinen Schatz ein Quetschi in die Hand gedrückt habt… na? Genau! Aber halt, zuerst mal für alle Supermütter, die vielleicht gar nicht wissen, was ein „Quetschi“ ist. Die meisten Kinder, die nicht rein auf Basis von Biokarotten und Kohlrabi-Sticks großgezogen werden, verstehen darunter die kleinen Beutel mit Obstpüree, die man eben zusammenquetscht, damit oben das süße Zeug rauskommt.

Mehr als ein Mal haben die kleinen Dinger mir ein riesengroßes Drama erspart. Im Supermarkt, im Wartezimmer, auf der Kirchenbank während der Hochzeit der liebsten Kollegin – bevor die Situation zu eskalieren droht, schnell ein Quetschi in die Hand und die nächsten fünf Minuten ist das Kind selig.

Das Dilemma daran? Ich sage nur: „Eeeerst in den Mund, dann drücken!“ Hätte ich für jedes Mal in meinem Leben, wo ich diesen Satz gesagt habe, 50 Cent bekommen, wäre ich heute Millionärin. Angekommen ist er trotzdem nie. Unweigerlich werden auf halbem Weg zum Mund beide Fäustchen freudig um das Quetschi gepresst, dass die Maracuja-Fontäne oben nur so explodiert. Kind voll, Mama voll, Kirchenbank voll, Drama weil abwischen, Drama weil kein Quetschi mehr im Beutel…. ihr wisst, was ich meine.

Das Kinderwagerl
Viele Supermärkte bieten mittlerweile neben den normalen Einkaufswägen auch Miniaturversionen davon für Kinder an. Und versteht mich nicht falsch: Meine Kinder lieben es! Bereits auf der Hinfahrt ist das einzige Gesprächsthema, ob es dort, wo wir hinfahren, auch ein Kinderwagerl gibt. Was meine Kinder nicht wissen: Oft fahre ich absichtlich lieber zum einzigen Supermarkt in der Umgebung ohne solche Wagerl. Besonders seit ich zwei von den Zwergen haben, bricht mir sonst mit dem Kinderwagerl regelmäßig der Schweiß aus. Abgesehen davon, dass der Kleinere sofort einen hysterischen Heulkrampf bekommt, weil er noch zu klein für so ein tolles Gefährt ist und stattdessen voll fad bei Mama im großen Einkaufswagen sitzen muss, beginnt bereits nach geschätzten 2,5 Metern der Spießrutenlauf mit dem stolzen Wagerlschieber.

Ich kann ihn noch so oft ermahnen, dass er damit aber brav sein muss – schwupps, schon düst er mit Vollgas mit seinem Racing-Wagerl durch die Obstabteilung, kracht abwechselnd gegen Salatkisten und Fersen von armen Mit-Einkäufern und nimmt johlend die Kurve in die Weinabteilung, in der schon gefährlich die ersten Flaschen wackeln.

Währenddessen versuche ich, dem entlaufenen Kind mit dem großen Einkaufswagen nachzurennen und dabei links und rechts wenigstens ein paar Dinge in den Wagen zu werfen, wegen denen ich eigentlich in den Supermarkt gekommen bin. Habe ich dann schimpfend wie ein Rohrspatz das große Kind erreicht, erklärt mir dieses, dass es jetzt sowieso kein Wagerl mehr haben will und ich darf den Rest des Einkaufs lang versuchen, mit jeder Hand jeweils einen Wagen durch die Gänge zu bugsieren, während beide Kinder sich neben mir alles aus den Regalen greifen, was zu teuer, ungesund oder verboten ist.


Das Bällebad
Quasi der Walk of Shame der modernen Mutter. Erst denkt man sich: Ach schau, wie nett ist das denn? Ein gratis Bällebad direkt hier im Einkaufszentrum mit einer Bank daneben, auf die ich mich jetzt echt gern setzen würde! Zack, schon sind dem Kind die Schuhe ausgezogen und es wird mit Untertassengroßen Augen ins Bällebad entlassen.

Und tatsächlich: Ganz plötzlich ist alles so, wie man es sich gerade noch beim kräftezehrenden Lebensmitteleinkauf gewünscht hat. Die Kinder toben lachend und juchzend mit anderen durch das Bällebad, die bunten Kugeln wirbeln herum, man selber sitzt bestimmt schon fünf – nein zehn, jetzt werden es schon zwanzig! – Minuten auf der Bank und tut einfach gar nichts, außer ab und zu ein Handyfoto von den süßen Kleinen zu machen. Manchmal kann das Leben mit Kind so einfach sein!

Wenn es nach einer halben Stunde jedoch schön langsam auf Mittag zugeht oder man eigentlich schnell noch in die Apotheke wollte, beginnt das Problem. Erste Warnung für das Kind: „Schatzi, noch fünf Minuten und dann müssen wir fahren!“ Für die johlende Hupfdohle unter den bunten Bällen ist man komplett Luft. Fünf Minuten später: „Schatzi, jetzt müssen wir dann aber wirklich fahren, kommst du raus?“ Bestenfalls ignoriert einen das Kind weiter, schlimmstenfalls beginnt es bereits jetzt, sirenenmäßig zu heulen. Obwohl man eigentlich schon vor fünf Minuten beim Kinderarzt, der Schwiegermutter oder der Post sein wollte, lenkt man schnell ein – immerhin schauen jetzt schon alle anderen Mamas her. „Na gut, aber wirklich nur noch fünf Minuten!“ 

Selbstverständlich weigert sich das Kind auch nach weiteren fünf, zehn und auch fünfzehn Minuten vehement, das Bälleparadies jemals wieder zu verlassen. Und weil jetzt wirklich langsam der Hut brennt, lässt man als Mama auch noch den letzten Krümel Würde sausen, schwingt sich gemeinsam mit 3.000 quietschenden Kleinkindern in das viel zu kleine Bällebad und schleift sein brüllendes, hysterisch um sich schlagendes Kind vor den tadelnden Augen aller anderen Mütter (denen es in fünf Minuten genau gleich ergehen wird) aus dem Spaßparadies. Schweißgebadet packt man den tobenden Spross endlich in den Buggy und greift erleichtert in die Tasche – Gott sei Dank: noch ein Quetschi da…!

Winter ade, scheiden tut nicht weh

Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr mir dieser Winter gestohlen bleiben kann! Zugegeben, ein richtiger Winterfan war ich noch nie. Ja sicher, wenn es zu Weihnachten weiße Flöckchen rieselt und der Pulverschnee auf den Wiesen glitzert, finde ich das auch schön.

Aber ganz ehrlich: Wenn mein Tag schon damit beginnt, dass ich beim ersten Schritt aus der Haustür halb auf einer Eisplatte ausrutsche, mir der graue Matsch oben in die Stiefel rinnt und ich mir beim Autoabscheren mit meinem Werbegeschenk-Eiskratzer das Kreuz verreiße, kann ich all dem nichts mehr abgewinnen.

Und seit ich Kinder habe, bin ich vom Winter-Nicht-Haben-Müsser zum absoluten Winterhasser mutiert. Ich weiß, das darf man ja eigentlich gar nicht laut sagen. Man kann im Winter doch so viele tolle Sachen mit den Kids machen! Rodeln! Skifahren! Iglu bauen! Und ja, ich hatte mir früher auch vorgestellt, wie schön so ein Winter mit kleinen Zwergen sein müsste. Mit roten Apfelbäckchen sah ich uns gemeinsam durch den Schnee toben, mannshohe Schneemänner bauen und den Schneeflocken hinterherjagen.

Die Realität sieht bei uns aber leider so aus, dass meistens mindestens zwei von drei Beteiligten die Nerven schon weggeschmissen haben, bevor wir überhaupt das Haus verlassen. Ich hätte es ehrlich nie für möglich gehalten, was für schweißtreibende Arbeit es bedeutet, einen 1-Jährigen, einen 3-Jährigen und sich selbst in passende Winterkleidung zu quetschen. Wo fängt man dabei überhaupt an?? Zuerst sich selbst verpacken, damit man nur noch die Haustüre aufreißen muss, wenn beide Kinder endlich fertig sind – und dafür wie ein Michelin-Männchen daran scheitern, die Kleinen in die Handschuhe zu bugsieren? Oder zuerst die Kinder anziehen, die dann weinend darauf warten müssen, bis auch Mama endlich den Knopf von der alten Skihose zubekommen hat?

Egal, für welche Variante ich mich entscheide – ich bin regelmäßig schweißgebadet, wenn ich eine gefühlte Stunde später endlich beide Kinder in Skihose, Skijacke, Stiefel, Schal, Handschuhe und Mütze gepackt habe. Irgendwie hat das ganze Szenario ein bisschen was von Schokolade-Schneiden am Kindergeburtstag: Während man den einen anzieht, zieht sich der andere schon wieder die Eisbärenhaube vom Kopf und hat man selber endlich das letzte Teil des wenig schmeichelhaften Schnee-Outfits übergeworfen, würfelt auch schon jemand einen Sechser – bzw. pfeffert in unserem Szenario in die Windel und alle Beteiligten können sich wieder ausziehen…

Draußen will sich der Spaß dann auch nur tröpfchenweise einstellen. Juhu, ein Schneehaufen! Patsch, der 1-Jährige fällt dank der nicht vorhandenen Flexibilität seines gigantischen Astronauten-Skianzugs Gesicht voran hinein und fängt bitterlich zu weinen an. Die Schneeschaufel kann er wegen der klobigen Handschuhe nicht greifen – Heulkrampf Nummer 216. Dem Großen rutscht inzwischen zum 100. Mal die Schneehose das Wadl rauf und eine regelrechte Lawine ergießt sich von oben in seine Stiefel. Dazwischen ziehe ich mir im Minutentakt die eigenen Handschuhe an und wieder aus, um abwechselnd jeweils einem Kind die verdammten Fäustlinge wieder anzuziehen, die sie bei jeder Bewegung verlieren.

Nach gefühlten Stunden, die auf der Uhr in Wahrheit nur 20-30 Minuten waren, geben wir auf und flüchten nach drinnen zu einer Tasse heißem Kakao. Die Skiklamotten zum Trocknen aufzuhängen und den Boden von den mit nach drinnen getragenen Schneepfützen zu säubern, dauert eindeutig länger als unser ganzer lustiger Schneeausflug…

Was mir an diesem Winter aber so richtig, richtig gestohlen bleiben kann, sind die Killerviren, die er uns dieses Jahr beschert hat. Seit das Thermometer zum ersten Mal die 10-Grad-Marke unterschritten hat, ist immer mindestens einer von uns krank. Andauernd. Immer. Kaum ist der eine wieder fit, fängt der nächste an, zu husten – und bei jeder 3. Runde machen alle anderen auch noch mit.

Ich spare mir jetzt die Beschreibung der Szenen, die sich abspielen, wenn alle vier Familienmitglieder gleichzeitig krank sind – jeder, der es schon mal erlebt hat, weiß, wie knapp man an einem Nervenzusammenbruch vorbeischlittert…

Es ist aber auch schon schlimm genug, wenn nur die Kinder krank sind. Als Mama wechselt man den ganzen Tag zwischen Wärmflaschen-Tröster und Super-Animateur, ist dabei von oben bis unten in Kinderrotz geduscht, und rotiert nachts zwischen zwei Betten mit bitterlich weinenden Fieberzwergen.

Das Schlimmste daran ist die absolute Hilflosigkeit, die man dabei empfindet. Egal wie viele feuchte Tücher man im Kinderzimmer aufhängt, wie hoch man den Kinderpolster noch drapiert, gleichgültig wie viele Salven Nasenspray und Kinderschmerzmittel man den Kleinen reinpfeift – in Wahrheit dauert die Erkältung eben so lange, wie eine Erkältung dauert.

Ist es keine Erkältung, sondern für ein bisschen extra Spaß sogar noch eine Mittelohrentzündung, Angina oder – Jackpot! – die echte Grippe, kann man sich sicher sein, dass diese genau dann den „Also jetzt müssen wir aber wirklich doch zum Arzt!“-Punkt erreicht, wenn der letzte Kinderarzt für diese Woche seine Pforten geschlossen hat. Dann heißt es wieder mal: Auf zum lustigen Wochenendausflug in die Kinderambulanz! Was kann es an einem Samstagabend schließlich Schöneres geben, als drei Stunden im Wartebereich zu verbringen, nur damit anschließend ein gefühlt 12-jähriger Assistenzarzt neben einem erst zu googeln anfängt, welches Antibiotikum man Kindern überhaupt so geben darf?

Ich weiß, dass es diesen Winter vielen ähnlich gegangen ist. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Mamas nur zwei Stunden Schlaf pro Nacht bekommen haben, weil sie dem kranken Kind stattdessen nasse Waschlappen auf die heiße Stirn gedrückt haben. Wie viele Papas in den letzten Monaten mit ihren Kindern ein wahres Wrestling-Match aufgeführt haben, um ihnen zumindest einen Milliliter Antibiotikum in das bombenfest zugepresste Mündchen zu drücken. Deshalb lasst uns jetzt doch bitte einfach alle gemeinsam einen Wunsch ins Universum schicken: Frühling, schwing gefälligst deinen Arsch hier her, aber ein bisschen pronto!