Mittwoch, 16. Mai 2018

Das Quetschi-Dilemma

Es gibt ein paar Kinderprodukte, für die ich eine glühende Hass-Liebe empfinde. Eigentlich wären sie dazu da, den Alltag mit den kleinen Despoten zu erleichtern. Zumindest bei uns haben sie aber leider oft genau den gegenteiligen Effekt. Nicht immer, denn dann könnte man ja einfach sagen: Gibt’s nicht und aus. Nein, das Problem ist etwas kniffliger! Manchmal sind diese Dinge kleine Lebensretter, das nächste Mal Auslöser allergrößter Dramen. Was es diesmal wird? Weiß man vorher leider nicht. Ich nenne es: das Quetschi-Dilemma.

Das Quetschi
Fangen wir doch gleich mit dem Namensgeber meines Dilemmas an. Ohne genau zu wissen, was ich damit meine, beschleicht einige Mamas jetzt wahrscheinlich schon eine leise Vorahnung. Erinnert euch doch mal an das letzte Mal, als ihr eurem kleinen Schatz ein Quetschi in die Hand gedrückt habt… na? Genau! Aber halt, zuerst mal für alle Supermütter, die vielleicht gar nicht wissen, was ein „Quetschi“ ist. Die meisten Kinder, die nicht rein auf Basis von Biokarotten und Kohlrabi-Sticks großgezogen werden, verstehen darunter die kleinen Beutel mit Obstpüree, die man eben zusammenquetscht, damit oben das süße Zeug rauskommt.

Mehr als ein Mal haben die kleinen Dinger mir ein riesengroßes Drama erspart. Im Supermarkt, im Wartezimmer, auf der Kirchenbank während der Hochzeit der liebsten Kollegin – bevor die Situation zu eskalieren droht, schnell ein Quetschi in die Hand und die nächsten fünf Minuten ist das Kind selig.

Das Dilemma daran? Ich sage nur: „Eeeerst in den Mund, dann drücken!“ Hätte ich für jedes Mal in meinem Leben, wo ich diesen Satz gesagt habe, 50 Cent bekommen, wäre ich heute Millionärin. Angekommen ist er trotzdem nie. Unweigerlich werden auf halbem Weg zum Mund beide Fäustchen freudig um das Quetschi gepresst, dass die Maracuja-Fontäne oben nur so explodiert. Kind voll, Mama voll, Kirchenbank voll, Drama weil abwischen, Drama weil kein Quetschi mehr im Beutel…. ihr wisst, was ich meine.

Das Kinderwagerl
Viele Supermärkte bieten mittlerweile neben den normalen Einkaufswägen auch Miniaturversionen davon für Kinder an. Und versteht mich nicht falsch: Meine Kinder lieben es! Bereits auf der Hinfahrt ist das einzige Gesprächsthema, ob es dort, wo wir hinfahren, auch ein Kinderwagerl gibt. Was meine Kinder nicht wissen: Oft fahre ich absichtlich lieber zum einzigen Supermarkt in der Umgebung ohne solche Wagerl. Besonders seit ich zwei von den Zwergen haben, bricht mir sonst mit dem Kinderwagerl regelmäßig der Schweiß aus. Abgesehen davon, dass der Kleinere sofort einen hysterischen Heulkrampf bekommt, weil er noch zu klein für so ein tolles Gefährt ist und stattdessen voll fad bei Mama im großen Einkaufswagen sitzen muss, beginnt bereits nach geschätzten 2,5 Metern der Spießrutenlauf mit dem stolzen Wagerlschieber.

Ich kann ihn noch so oft ermahnen, dass er damit aber brav sein muss – schwupps, schon düst er mit Vollgas mit seinem Racing-Wagerl durch die Obstabteilung, kracht abwechselnd gegen Salatkisten und Fersen von armen Mit-Einkäufern und nimmt johlend die Kurve in die Weinabteilung, in der schon gefährlich die ersten Flaschen wackeln.

Währenddessen versuche ich, dem entlaufenen Kind mit dem großen Einkaufswagen nachzurennen und dabei links und rechts wenigstens ein paar Dinge in den Wagen zu werfen, wegen denen ich eigentlich in den Supermarkt gekommen bin. Habe ich dann schimpfend wie ein Rohrspatz das große Kind erreicht, erklärt mir dieses, dass es jetzt sowieso kein Wagerl mehr haben will und ich darf den Rest des Einkaufs lang versuchen, mit jeder Hand jeweils einen Wagen durch die Gänge zu bugsieren, während beide Kinder sich neben mir alles aus den Regalen greifen, was zu teuer, ungesund oder verboten ist.


Das Bällebad
Quasi der Walk of Shame der modernen Mutter. Erst denkt man sich: Ach schau, wie nett ist das denn? Ein gratis Bällebad direkt hier im Einkaufszentrum mit einer Bank daneben, auf die ich mich jetzt echt gern setzen würde! Zack, schon sind dem Kind die Schuhe ausgezogen und es wird mit Untertassengroßen Augen ins Bällebad entlassen.

Und tatsächlich: Ganz plötzlich ist alles so, wie man es sich gerade noch beim kräftezehrenden Lebensmitteleinkauf gewünscht hat. Die Kinder toben lachend und juchzend mit anderen durch das Bällebad, die bunten Kugeln wirbeln herum, man selber sitzt bestimmt schon fünf – nein zehn, jetzt werden es schon zwanzig! – Minuten auf der Bank und tut einfach gar nichts, außer ab und zu ein Handyfoto von den süßen Kleinen zu machen. Manchmal kann das Leben mit Kind so einfach sein!

Wenn es nach einer halben Stunde jedoch schön langsam auf Mittag zugeht oder man eigentlich schnell noch in die Apotheke wollte, beginnt das Problem. Erste Warnung für das Kind: „Schatzi, noch fünf Minuten und dann müssen wir fahren!“ Für die johlende Hupfdohle unter den bunten Bällen ist man komplett Luft. Fünf Minuten später: „Schatzi, jetzt müssen wir dann aber wirklich fahren, kommst du raus?“ Bestenfalls ignoriert einen das Kind weiter, schlimmstenfalls beginnt es bereits jetzt, sirenenmäßig zu heulen. Obwohl man eigentlich schon vor fünf Minuten beim Kinderarzt, der Schwiegermutter oder der Post sein wollte, lenkt man schnell ein – immerhin schauen jetzt schon alle anderen Mamas her. „Na gut, aber wirklich nur noch fünf Minuten!“ 

Selbstverständlich weigert sich das Kind auch nach weiteren fünf, zehn und auch fünfzehn Minuten vehement, das Bälleparadies jemals wieder zu verlassen. Und weil jetzt wirklich langsam der Hut brennt, lässt man als Mama auch noch den letzten Krümel Würde sausen, schwingt sich gemeinsam mit 3.000 quietschenden Kleinkindern in das viel zu kleine Bällebad und schleift sein brüllendes, hysterisch um sich schlagendes Kind vor den tadelnden Augen aller anderen Mütter (denen es in fünf Minuten genau gleich ergehen wird) aus dem Spaßparadies. Schweißgebadet packt man den tobenden Spross endlich in den Buggy und greift erleichtert in die Tasche – Gott sei Dank: noch ein Quetschi da…!

Winter ade, scheiden tut nicht weh

Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr mir dieser Winter gestohlen bleiben kann! Zugegeben, ein richtiger Winterfan war ich noch nie. Ja sicher, wenn es zu Weihnachten weiße Flöckchen rieselt und der Pulverschnee auf den Wiesen glitzert, finde ich das auch schön.

Aber ganz ehrlich: Wenn mein Tag schon damit beginnt, dass ich beim ersten Schritt aus der Haustür halb auf einer Eisplatte ausrutsche, mir der graue Matsch oben in die Stiefel rinnt und ich mir beim Autoabscheren mit meinem Werbegeschenk-Eiskratzer das Kreuz verreiße, kann ich all dem nichts mehr abgewinnen.

Und seit ich Kinder habe, bin ich vom Winter-Nicht-Haben-Müsser zum absoluten Winterhasser mutiert. Ich weiß, das darf man ja eigentlich gar nicht laut sagen. Man kann im Winter doch so viele tolle Sachen mit den Kids machen! Rodeln! Skifahren! Iglu bauen! Und ja, ich hatte mir früher auch vorgestellt, wie schön so ein Winter mit kleinen Zwergen sein müsste. Mit roten Apfelbäckchen sah ich uns gemeinsam durch den Schnee toben, mannshohe Schneemänner bauen und den Schneeflocken hinterherjagen.

Die Realität sieht bei uns aber leider so aus, dass meistens mindestens zwei von drei Beteiligten die Nerven schon weggeschmissen haben, bevor wir überhaupt das Haus verlassen. Ich hätte es ehrlich nie für möglich gehalten, was für schweißtreibende Arbeit es bedeutet, einen 1-Jährigen, einen 3-Jährigen und sich selbst in passende Winterkleidung zu quetschen. Wo fängt man dabei überhaupt an?? Zuerst sich selbst verpacken, damit man nur noch die Haustüre aufreißen muss, wenn beide Kinder endlich fertig sind – und dafür wie ein Michelin-Männchen daran scheitern, die Kleinen in die Handschuhe zu bugsieren? Oder zuerst die Kinder anziehen, die dann weinend darauf warten müssen, bis auch Mama endlich den Knopf von der alten Skihose zubekommen hat?

Egal, für welche Variante ich mich entscheide – ich bin regelmäßig schweißgebadet, wenn ich eine gefühlte Stunde später endlich beide Kinder in Skihose, Skijacke, Stiefel, Schal, Handschuhe und Mütze gepackt habe. Irgendwie hat das ganze Szenario ein bisschen was von Schokolade-Schneiden am Kindergeburtstag: Während man den einen anzieht, zieht sich der andere schon wieder die Eisbärenhaube vom Kopf und hat man selber endlich das letzte Teil des wenig schmeichelhaften Schnee-Outfits übergeworfen, würfelt auch schon jemand einen Sechser – bzw. pfeffert in unserem Szenario in die Windel und alle Beteiligten können sich wieder ausziehen…

Draußen will sich der Spaß dann auch nur tröpfchenweise einstellen. Juhu, ein Schneehaufen! Patsch, der 1-Jährige fällt dank der nicht vorhandenen Flexibilität seines gigantischen Astronauten-Skianzugs Gesicht voran hinein und fängt bitterlich zu weinen an. Die Schneeschaufel kann er wegen der klobigen Handschuhe nicht greifen – Heulkrampf Nummer 216. Dem Großen rutscht inzwischen zum 100. Mal die Schneehose das Wadl rauf und eine regelrechte Lawine ergießt sich von oben in seine Stiefel. Dazwischen ziehe ich mir im Minutentakt die eigenen Handschuhe an und wieder aus, um abwechselnd jeweils einem Kind die verdammten Fäustlinge wieder anzuziehen, die sie bei jeder Bewegung verlieren.

Nach gefühlten Stunden, die auf der Uhr in Wahrheit nur 20-30 Minuten waren, geben wir auf und flüchten nach drinnen zu einer Tasse heißem Kakao. Die Skiklamotten zum Trocknen aufzuhängen und den Boden von den mit nach drinnen getragenen Schneepfützen zu säubern, dauert eindeutig länger als unser ganzer lustiger Schneeausflug…

Was mir an diesem Winter aber so richtig, richtig gestohlen bleiben kann, sind die Killerviren, die er uns dieses Jahr beschert hat. Seit das Thermometer zum ersten Mal die 10-Grad-Marke unterschritten hat, ist immer mindestens einer von uns krank. Andauernd. Immer. Kaum ist der eine wieder fit, fängt der nächste an, zu husten – und bei jeder 3. Runde machen alle anderen auch noch mit.

Ich spare mir jetzt die Beschreibung der Szenen, die sich abspielen, wenn alle vier Familienmitglieder gleichzeitig krank sind – jeder, der es schon mal erlebt hat, weiß, wie knapp man an einem Nervenzusammenbruch vorbeischlittert…

Es ist aber auch schon schlimm genug, wenn nur die Kinder krank sind. Als Mama wechselt man den ganzen Tag zwischen Wärmflaschen-Tröster und Super-Animateur, ist dabei von oben bis unten in Kinderrotz geduscht, und rotiert nachts zwischen zwei Betten mit bitterlich weinenden Fieberzwergen.

Das Schlimmste daran ist die absolute Hilflosigkeit, die man dabei empfindet. Egal wie viele feuchte Tücher man im Kinderzimmer aufhängt, wie hoch man den Kinderpolster noch drapiert, gleichgültig wie viele Salven Nasenspray und Kinderschmerzmittel man den Kleinen reinpfeift – in Wahrheit dauert die Erkältung eben so lange, wie eine Erkältung dauert.

Ist es keine Erkältung, sondern für ein bisschen extra Spaß sogar noch eine Mittelohrentzündung, Angina oder – Jackpot! – die echte Grippe, kann man sich sicher sein, dass diese genau dann den „Also jetzt müssen wir aber wirklich doch zum Arzt!“-Punkt erreicht, wenn der letzte Kinderarzt für diese Woche seine Pforten geschlossen hat. Dann heißt es wieder mal: Auf zum lustigen Wochenendausflug in die Kinderambulanz! Was kann es an einem Samstagabend schließlich Schöneres geben, als drei Stunden im Wartebereich zu verbringen, nur damit anschließend ein gefühlt 12-jähriger Assistenzarzt neben einem erst zu googeln anfängt, welches Antibiotikum man Kindern überhaupt so geben darf?

Ich weiß, dass es diesen Winter vielen ähnlich gegangen ist. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Mamas nur zwei Stunden Schlaf pro Nacht bekommen haben, weil sie dem kranken Kind stattdessen nasse Waschlappen auf die heiße Stirn gedrückt haben. Wie viele Papas in den letzten Monaten mit ihren Kindern ein wahres Wrestling-Match aufgeführt haben, um ihnen zumindest einen Milliliter Antibiotikum in das bombenfest zugepresste Mündchen zu drücken. Deshalb lasst uns jetzt doch bitte einfach alle gemeinsam einen Wunsch ins Universum schicken: Frühling, schwing gefälligst deinen Arsch hier her, aber ein bisschen pronto!

Freitag, 18. August 2017

Zen und die Kunst, ein Kind zu erziehen

Wer einem Kleinkind einmal dabei zugesehen hat, wie es einen Teller Spaghetti isst, weiß, dass Kindererziehung nichts für Ungeduldige ist. Selbst wenn Mama schon mit der Stoppuhr danebensteht, weil sie eigentlich schon vor 10min zum Kinderarzt losgefahren sein sollte, wird da jede Nudel einzeln beäugt, in die Hand genommen, zwischen den Fingern gerollt, in den Mund und wieder hinausgesaugt – Stress sieht anders aus.

Ich bemühe mich ganz ehrlich jeden Tag aufs Neue, dass ich geduldiger werde und nicht wegen Kleinigkeiten die Nerven verliere. Aber an manchen Tagen ist das verdammt noch mal echt leichter gesagt als getan. Manchmal würde ich am liebsten einfach das Handtuch werfen und laut schreien: „Ich bin (k)ein Star, holt mich hier raus!“

Den ersten dieser Momente habe ich oft schon morgens im Bad. Habe ich es endlich geschafft, beide Kinder dorthin zu bugsieren und ihnen die Zahnbürsten in die Hand zu drücken, ohne dass mindestens einer von uns drei brüllt, ist das schon ein erster Erfolg. Weil man ja ein gutes Vorbild sein möchte, nimmt man auch die eigene Zahnbürste zur Hand und möchte gleichzeitig mit den Kindern lustig Zähneputzen.

In der Realität sieht das dann so aus, dass mir die Zahnbürste samt Schaum schief aus dem Mund hängt, während ich gleichzeitig versuche, dem nonstop plappernden Noah die Zähne zu putzen und seinen randvollen Zahnputzbecher doch noch aufzufangen. Diesen Moment wählt Nico, um sich mit der Baby-Zahnbürste im Fäustchen an mir hochzuziehen und mir dabei die Jogginghose bis zu den Knöcheln runterzuziehen. Während ich so einen Blick im Spiegel auf mich erhasche, wie ich mit heruntergelassener Hose und einem T-Shirt voller Kinderzahnpasta dastehe, frage ich mich kurz, ob der Glamour-Faktor heute wohl noch steigen kann.

Und – wer hätte das gedacht – ja, er kann! Letzens war ich in einem Anflug von Übermut mit beiden Kindern auf einen Stadtbummel. Warum sollte man so etwas schließlich nicht allein mit zwei Kleinkindern machen können? Als „Trendy urban Mom“ mit Takeaway-Latte und Designer-Kinderwagen durch die Einkaufsstraße flanieren? Gut, es fing schon mal damit an, dass ich keinen Designer-Kinderwagen, sondern nur einen alten Buggy mit Geschwister-Board hatte, aber einen Becher Takeaway-Kaffee würde ich schon irgendwo auftreiben!

Bevor ich mir diesen genehmigte, wollte ich als gute Mutter aber zuerst meinen Kindern ein bisschen pädagogisch wertvolle Spielplatz-Zeit gönnen. Also beide Kinder raus aus dem Buggy und rein ins innerstädtische Spieleparadies! Schon bald musste ich jedoch feststellen, dass der Spielplatz vielleicht doch etwas zu „urban“ für meinen Geschmack war. Während ich mit der einen Hand versuchte, Noahs Sturz vom Klettergerüst zu dämpfen, pfriemelte ich Nico nämlich nach den ersten Minuten bereits drei Zigarettenstummel, ein benütztes Pflaster sowie den Verschluss einer Bierdose aus dem Mund.

Als das arme Kind nach einer Runde im Rindenmulch auch noch mit Schiefern übersät war und aussah, als wäre es gerade aus einer Kohlemine gekrochen, strich ich die Segel. Da ich das Wechselgewand klugerweise im Auto gelassen hatte (Anfängerfehler, ich weiß!), musste Nico eben jetzt nur in der Windel zurück in den Buggy – heiß genug war es ja Gott sei Dank.
Während ich noch versuchte, dem glamouröseren Teil meines City Trips etwas näher zu kommen, und motiviert das Kindergefährt durch die Einkaufsstraße schob, baute sich vor uns jedoch bereits der Anfang vom Ende in Form eines Springbrunnes auf. Habt ihr eurem Kind schon mal gesagt, es darf sich irgendwo NUR DIE FÜSSE nass machen? Ihr wisst schon, was jetzt kommt, oder…? Ich wusste es nicht.

Um Noah nicht den Spaß zu verderben, zog ich ihm die Schuhe aus und ließ ihn blauäugig in Richtung Springbrunnen hüpfen – wo ich ihm dann innerhalb 0,5 Sekunden dabei zusehen konnte, wie er sich als Ganzes komplett und absolut in den Brunnen setzte und als begossener Pudel wieder heulend zu mir zurücktrabte. Also goodbye Takeaway-Latte, goodbye Einkaufsbummel – hello Wechselgewand im Auto.

In Ermangelung einer besseren Lösung zog ich Noah bis auf die Unterhose (und die Gott sei Dank trockenen Schuhe!) aus und trabte mit zwei halbnackten Kindern unter den tadelnden Blicken zahlreicher Touristen durch die gesamte Innenstadt zurück zum Auto. Was habt ihr denn, seid ihr etwa noch nie mit zwei Kindern in Unterhose spazieren gegangen, ihre blöden Gaffer?!

Zurück in der Parkgarage entwertete ich resigniert das Ticket. Kaum kam dieses wieder aus dem Automaten (Experten wissen: Ausfahrt innerhalb von 10 Minuten!), verkündete Noah mir und allen anderen Anwesenden jedoch laut: „Muss gacka!“.

So bugsierte ich also mich, zwei halbnackte Kinder und einen Buggy in die Garagen-Toilette, in der es nicht nur laue 35°C, sondern auch ein Duft-Bouquet wie in einer Kloake in Kalkutta hatte. Bei diesem Unterfangen quetsche ich mir an der hygienisch schwer bedenklichen Klotür so den Fuß ein, dass ich die Hälfte des Toilettenpapiers, mit dem ich gerade fünflagig die Klobrille für Noah auslegte, gleich dazu benutzen konnte, mein Blut vom Boden aufzuwischen.

Während es sich Noah nun am Klo bequem machte und mir viele schöne Geschichten von Gott und der Welt erzählte, während er sich gemütlich auf sein Geschäft vorbereitete, schielte ich schön langsam nervös auf die Uhr. 10 Minuten – das würde knapp. Während mir Noah versicherte, dass „es bestimmt gleich kommt“ und er „nur noch ein bisschen probieren“ wolle, verstrichen die Minuten.
Nico brüllte inzwischen im Buggy zwischen mir und der Toilette eingekeilt wie am Spieß, während mein Schweiß und Blut sich in Tröpfchen einen Weg an mir hinunterbahnten und mein Stresspegel mit jeder Minute exponentiell anstieg.

Zuerst versuchte ich, Noah noch sanft zur Eile zu überreden, dann wurde ich insistenter und letzten Endes verlor ich dann doch die Nerven. Habt ihr euer Kind schon mal angeschrien, dass es jetzt verdammt noch mal ein bisschen schneller sch…. soll? Wahrlich keine meiner Sternstunden als Mama… Unverrichteter Dinge rannte ich schließlich mit zwei bitterlich weinenden (noch immer halbnackten) Kindern von der Garagentoilette zum Auto und schaffte es mit quietschenden Reifen gerade noch so durch den Ausfahrtsschranken. Das mit der Gelassenheit muss ich wohl noch ein bisschen üben…     

Sonntag, 9. Juli 2017

E-N-D-L-I-C-H!!!

Hand aufs Herz gibt's jetzt auch als Buch oder ebook und zwar zum Beispiel hier:

"Hand aufs Herz" auf Amazon

 Für alle frisch gebackenen Mamas und solche, die's werden wollen. Mit allen bekannten und vielen neuen lustigen Geschichten rund ums Kinderkriegen und -haben. Wir freuen uns auf euer Feedback! Herzlichst, Susi und Sybille

Die gähnende Langeweile als Mutter

Zurzeit passiert es selten genug, dass ich mich mit erwachsenen Menschen an Orten treffe, die nicht der Spielplatz, der Zoo oder die Kinderecke von IKEA sind. Deswegen passiert es zurzeit auch noch viel seltener, dass ich mich mit Menschen treffe, die keine Kinder haben. Wenn es also dann doch mal geschieht, dass ich abends meinen Hintern von der Legostein-gespickten Couch hochbekomme, um mich mit Freunden aus meinem „alten Leben“ zu treffen, ist das immer ein kleines Highlight.


In letzter Zeit ist es aber immer öfter so, dass ich von solchen Highlights nicht über beide Ohren strahlend, sondern leicht grummelig nach Hause komme – und das aus einem ziemlich dämlichen Grund. Während die anderen von ihren Urlauben in Bali, ihren durchtanzten Nächten, den Grillfeiern, Konzerten und spontanen Städte-Trips erzählen, von all diesen Dingen, die ich in meinem alten Leben auch gemacht habe, komme ich mir daneben irgendwie langweilig vor. Soll ich jetzt etwa erzählen, dass mein Wochen-Highlight war, dass Noah heute ins Töpfchen gepinkelt hat? Oder dass es jetzt beim Hofer wieder günstige Kinderschuhe gibt?

Im Vergleich erscheint mir an solchen Abenden mein Leben einfach öd.


Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass meine kinderlosen Freunde mein Leben gar nicht wirklich öd finden, steigere ich mich innerlich trotzdem in höchste Empörung – mein Leben ist doch nicht langweilig, so eine Frechheit, was denken die überhaupt?! Nur weil ich jetzt Mama bin, kann ich doch wohl bitte noch immer ein voll geiles, spannendes, Instagram-würdiges Leben haben?! Die Antwort lautet natürlich ja.

Und ich lese beim Friseur auch wirklich besonders gern jene Klatschmagazin-Stories über Mütter, die mit ihren Babys auf Weltreise gehen oder zumindest drei Tage nach der Geburt mit ihnen im beschwingten Tragetüchlein auf den Mount Everest spazieren, aber jetzt sag ich’s mal ganz ehrlich: Ja, das Leben mit Kind IST an manchen Tagen auch einfach öde! Stinklangweilig sogar!

Oooh, ich sehe schon die kommentarwütigen Supermamis ihre Fingernägel wetzen – ich habe meine Kinder doch gar nicht verdient! Andere können überhaupt keine Babys haben und dann habe ich sogar zwei davon und wage es auch noch, mich darüber zu beschweren, dass mir langweilig ist! Meine Lieben, lasst den Zeigefinger bitte stecken – oder habt ihr euch wirklich, wirklich noch niiiie in eurem Leben über einen faden Tag in eurem Job beschwert? Den habt ihr euch nämlich auch selbst ausgesucht und das Glück hat auch nicht jeder – und trotzdem darf man am Abend auch mal bei einem Glas Wein so richtig drüber herziehen, oder?

Jedenfalls hat mich das Konzept „Langeweile“ im Zusammenhang mit Kindern echt überrascht. Als ich noch kinderlos war, dachte ich mir, dass mir auf jeden Fall eines nie mehr sein würde, wenn ich ein Baby hätte – fad. Und natürlich stimmt das auch irgendwie, denn an einem Tag mit meinen Jungs berührt mein Hintern wohl keine 10 Minuten am Stück einen Sessel und ich sitze sicher nicht Däumchen drehend in der Ecke und überlege mir, ob ich jetzt lieber „Shopping Queen“ anschalten oder ein Buch lesen soll.

Die Langeweile kommt eher durch die unglaubliche Vorhersehbarkeit gewisser Abläufe. Ich rede jetzt nicht von einem Tag, an dem wir in den Zoo fahren oder zum Spielplatz radeln (obwohl ich mir bei Gott auch etwas Spannenderes vorstellen kann, als zwei Stunden am Stück Sandkuchen zu backen), ich spreche von einem ganzen, langen, manchmal nicht enden wollendem Schlechtwettertag allein mit den beiden zu Hause.

Und ganz ehrlich – so ein Tag fühlt sich manchmal verdammt an, als wäre ich für alle Ewigkeit in „Täglich grüßt das Murmeltier“ gefangen. Manche Dialoge könnte ich wie in einem Lieblingsfilm auswendig vorhersagen und gewisse Details gleichen sich tagtäglich bis hin zum Silberfischchen ins Noahs Spielküche (Ich spüle es JEDEN Tag den Abfluss runter, wie schafft es dieser Zombie-Silberfisch da immer wieder raus??).

Viel zu früh aufstehen, neinichwillnichtZähneputzen, warumdauertdasFrühstücksolang, warumkannichkeineGummibärlihabenichwillaberjetztGummibärli haben….. Obwohl ich mittlerweile zur Spitzen-Animateurin geworden bin, ziehen sich solche Tage wie ein Strudelteig. Nachdem Noah jeden Programmpunkt unweigerlich nur 2 Sekunden interessant findet, weiß ich schon beim mühsamen Gefitzel mit dem Kartoffeldruck-Stempel (ich HASSE basteln!!!), dass ich genau sobald ich damit fertig bin, Malschürze, Pinsel, Wasserfarben, Zeitungspapier, Wasserglas, Block und Kartoffelschalen wieder wegräumen kann, weil der Herr dann lieber Verstecken spielen möchte.

Auch dieses Spiel ist jeden Tag wieder an Spannung nicht zu überbieten. Falls ihr noch nie mit einem 3-Jährigen Verstecken gespielt haben solltet: Er wird euch immer im Vorhinein sagen, wo er sich versteckt. So liegt er dann vor Freude quietschend mitten auf der Couch und schreit „Mama, I versteck mir jetzt auf die Couch!“, während ich mir größte Mühe gebe, ihn dort nicht zu finden. Auch dieses Spiel dauert selbstverständlich nur 5 Minuten und so ist es oft genug nach einer Runde Kartoffeldruck, Jausnen, Playmobil, Puzzeln, Jausnen, Autospielen, Verstecken, Malen, Jausnen und nochmal Jausnen erst 10.00 Uhr und ich überprüfe zum fünften Mal, ob bei meiner Armbanduhr schon wieder die Batterie leer ist.

Ich weiß, wenn man die 500 Mal Windeln wechseln dazuzählt, das schreiendes Kind trösten, Spielzeug wieder aufbauen, Anziehen, Ausziehen, Herumtragen, Sreithähne schlichten, verschüttetes Getränk aufwischen, komplett Umziehen, weil Nico jedes Mal genau dann in hohem Bogen auf mein frisches T-Shirt pinkelt, wenn ich seine Windel aufmache – dann kommt dabei alles andere als ein langweiliger Tag heraus. Im Gegenteil, oft bin ich nach solchen Tagen körperlich geschaffter als an anderen, aber trotzdem sind es gerade diese Tage, an denen ich mich oft dabei ertappe, wie ich mir einen ganz normalen 8h-Arbeitstag wünsche und davon fantasiere, mich (allein!) auf einem Sessel sitzend und mit einer Tasse Kaffee (die ich auch austrinken kann) mit einem erwachsenen, vernünftigen und realistischem Problem zu beschäftigen, das weder Gummibärli noch ständig runterfallende Playmobilhelm-Visiere beinhaltet.

Stattdessen sitzt man den Tag irgendwie ab, verkleidet sich als Pirat, baut ein Lego-Hotel nach dem anderen, liest 300 Mal „Leo Lausemaus“ und schielt dabei auf die Uhr, bis endlich „Tom und Jerry“ im Fernsehen läuft oder der Mann von der Arbeit heimkommt – der wahrscheinlich den ganzen Tag davon fantasiert hat, sich mit weniger erwachsenen, vernünftigen und realistischen Problemen zu beschäftigen.

Wie dem auch sei: Ich ziehe meinen Hut vor allen Mamas, die solche langen Tage zu Hause mit den Kleinen von A-Z nur genießen und denen beim Wasserfarbenmalen das Herz aufgeht. Ich für meinen Teil habe erkannt, dass wir spätestens zu Mittag raus aus dem Haus müssen. Und Gott sei Dank gibt’s da ja immer noch IKEA.

Sind wir nicht alle ein bisschen #TeamMom?

Sobald man ein Kind hat, kommt man unweigerlich auch mit anderen Mamas in Kontakt. Ob im Geburtsvorbereitungskurs, bei der Babymassage oder am Spielplatz – plötzlich sind da ein Haufen anderer Frauen, die in derselben Situation sind wie man selbst. Grundsätzlich ist das natürlich toll, schließlich ist man jetzt im selben Boot und kennt die Probleme der Mama genau, die sich gerade neben dir verstohlen die Babykotze aus dem Ausschnitt wischt.

Auf der anderen Seite ist das nur leider kein Garant dafür, jeder anderen Mama am Spielplatz sofort als BFF um den Hals zu fallen. Klar ist man irgendwie in derselben Situation – aber ist man das nicht auch, wenn gerade beide an der Wursttheke 15dag Extrawurst kaufen? Irgendwie logisch, dass man sich nicht allein aufgrund der Tatsache, dass beide ein Kind haben, supergut versteht – ich persönlich musste das allerdings in meiner Baby-Naivität erst auf die harte Tour lernen.

Als ich nach den ersten Wochen mit Noah endlich die Gelegenheit hatte, mich mit anderen Mamas auszutauschen, schüttete ich ihnen sofort mein Herz über alle meine Probleme und Sorgen aus – und wurde von vielen mit verständnislosen Blicken bedacht. „Ja dann muss er halt lernen, allein im Beistellbettchen einzuschlafen, das klappt bei meiner Maus ganz toll!“ „Wie, du wärst am liebsten mal eine Stunde ohne Kind? Das ist doch das Schönste auf Erden!“ „Ach, Fläschchen gibst du ihm? Nicht stillen?“

Plötzlich war ich mit einer Art von persönlicher Kritik konfrontiert, die ich so bisher nicht gekannt hatte. Ganz herablassend wurde da oft das Hipp-Gläschen beäugt, das ich nicht im Dampfgarer aus selbst angebauten Biokarotten gekocht hatte, und verständnislos der Kopf geschüttelt, wenn mein Kind zum ersten Geburtstag ein Stückchen nicht vegane, absolut nicht zuckerfreie Schokotorte essen durfte.

Oft hatte ich das Gefühl, dass in jedem noch so zuckersüß vorgetragenen Satz eine subtile Kritik versteckt war: „Ah, du hast noch den Fellsack! Ja, also meinem Schatz wäre das ja jetzt schon viiiiel zu heiß!“. Sicher interpretierte ich oft auch einen missbilligenden Ton in Aussagen hinein, die gar nicht so gemeint waren, aber sehr bald nervten mich diese ganzen selbsternannten Profi-Mamas mit ihren unumstößlichen Wahrheiten ganz kolossal. Die Lederpatschen falsch gegerbt, die Babyreiswaffeln zu viel Zucker, der Kinderwagengriff enthält Weichmacher – grundsätzlich war irgendwie alles, was ich tat, offenbar ganz, ganz schlecht für mein Kind. Was, und nach einem Jahr arbeiten gehst du auch schon wieder – na gute Nacht, da ist Noah ja sowieso schon ein Fall für den Baby-Psychologen!

Bis heute verstehe ich nicht, warum wir Mamas nicht ein bisschen mehr zusammenhalten. Gern beschweren wir uns, dass wir als Frauen benachteiligt werden, aber ganz ehrlich – oft genug machen wir uns untereinander das Leben viel schwerer! Die kränkendsten Kommentare und herablassendsten Blicke in puncto Kindererziehung habe ich nämlich niemals von Männern, sondern nur von anderen Mamas erlebt, die eigentlich genau wissen müssten, wie schwierig das alles einfach manchmal ist.

Der Vorteil an der Sache ist, dass die wahren Mama-Freundinnen, die man in den Geburtsvorbereitungskursen und Babyschwimmkursen dieser Welt findet, dazwischen wie ein wahres Goldstück hervorleuchten. Plötzlich hat man da jemand Verbündeten, der vielleicht auch einen harten Tag mit den Kleinen hatte und es versteht, wenn man sie heute Morgen am liebsten der Bäckereifachangestellten vererbt hätte. Eine wahre Freundin ist die, die nicht blöd redet, wenn das Kind mal statt dem Biobrei einen Fruchtzwerg bekommt, sondern für die Mamas gleich noch die Familienpackung Eis dazu aus dem Tiefkühler holt.

Wir Mamas sollten nicht ständig versuchen, uns zu übertrumpfen und anderen ein schlechtes Gewissen einreden, nur damit wir selber besser dastehen. Wir sollten zusammenhalten, Verständnis aufbringen, auch mal die eigene Meinung runterschlucken und stattdessen ein paar aufmunternde Worte oder auch nur kommentarlos eine Tasse starken Kaffee schenken – denn genau das würden wir uns selbst in manchen Situationen wünschen. Wir spielen alle im selben Team – vielleicht lasse ich einfach in naher Zukunft ein paar #TeamMom -T-Shirts dafür drucken!

Bussi, Baby, Bussi!

Bevor Noah zur Welt kam, hatte ich 1000 Bedenken. Ich hatte Schiss davor, dass ich das alles nicht können würde. Und mit „alles“ meine ich nicht nur Windeln wechseln, Fläschchen machen, Kinderwagen aufbauen – nein, mit alles meine ich wirklich alles. Würde ich das überhaupt können, ein Kind haben, Mutter sein?

Bei all meinen Sorgen war ich mir nur einer Sache sicher: Das einzige, was ich zu 100% können würde, war, dieses kleine Wesen lieb zu haben. Es zu drücken, zu knuddeln und mit ihm zu schmusen als gäbe es kein Morgen. Und schließlich hieß es doch, dass das das Wichtigste war, um ein fröhliches, glückliches Kind großzuziehen!

Als Noah dann da war, stellte sich nur leider ziemlich schnell heraus, dass er genau die eine Sache, die ich ihm mit voller Kompetenz hätte geben können, gar nicht haben wollte. Während andere Mütter mir erzählten, dass ihre Babys permanent getragen werden wollten, nur auf ihnen einschliefen und sich nur an Mama gekuschelt irgendwie beruhigen ließen, war Noah das genaue Gegenteil. Er wollte weder so richtig geknuddelt, noch abgeschmust oder dicht an mich gekuschelt werden. Und wenn er mal zu brüllen angefangen hatte, wollte er ganz sicher eines nicht: bei mir am Arm sein. Stattdessen beruhigte er sich am ehesten, wenn man ihn frei auf eine Decke legte und ihm seine heilige Ruhe ließ.

Auch wenn es sicher Vorteile hatte, dass ich das Haus auch mal ohne Tragetuch verlassen konnte, war die Schmuseverweigerung meines Kleinen ein riesengroßes Problem für mich. Wickeln, Fläschchen und Kinderwagen hatte ich bald raus – aber welche Mutter kommt sich nicht vollkommen überflüssig vor, wenn sie ihr weinendes Kind am besten dadurch tröstet, dass sie sich wenn möglich in Luft auflöst?!

Klar, so extrem war die Situation in Wirklichkeit nur in meinem Kopf, aber trotzdem fehlte mir ganz einfach der Körperkontakt, die Bindung, die absolute Enge zu meinem Sohn – und dabei hätten wir beide nach dem problematischen Kaiserschnitt wohl gerade das am Allernötigsten gehabt. So hatte ich in schlimmen Phasen aber oft regelrecht das Gefühl, dass Noah mich schlicht und einfach nicht besonders mochte. Kaum zog er vom Beistellbettchen in sein eigenes Zimmer um, schlief er plötzlich besser und wenn er mal einen Heulkrampf hatte, tröstete ihn auch sein Knisterbuch um einiges schneller als mein Arm.

Die meisten anderen Mamas konnten mein Problem absolut nicht verstehen – wie, ein Kind, das nicht am liebsten bei Mama am Arm ist? Gibt’s nicht! Gibt’s doch – und so richtig wurde mir das erst bewusst, als Noahs kleiner Bruder kam. Denn wo Noah die meiste Zeit seinen persönlichen Wohlfühlabstand brauchte und sich mehr amüsierte, wenn man neben ihm auf der Spieldecke lag als quasi auf ihm drauf, war Nico das genaue Gegenteil: Jede Sekunde des Tages (und der Nacht, nicht zu vergessen) hatte ich das Gefühl, dass er am liebsten wieder in mich hineinkriechen würde. Riss der Körperkontakt auch nur für eine Minute ab, begann er, bitterlich zu weinen und ich fand mich plötzlich in einer völlig neuen Situation wieder.

Anfangs genoss ich dieses für mich neue Gefühl einfach nur – ich knuddelte und schmuste, streichelte und kramte das unbenutzte Tragetuch aus Noahs Schrank hervor. Doch schnell dämmerte mir, dass dieses unbedingte Nähegefühl meines Sohnes auch ganz schön anstrengend war. Plötzlich verstand ich, worüber sich die Baby-nicht-wegleg-Mamas immer beklagt hatten: Denn auch die größte Schmusemama möchte/muss einmal ihr Kind weglegen – besonders wenn da auch noch ein älteres Geschwisterkind versorgt werden will.

Nur hatte Nico dafür leider so gar kein Verständnis. Sowohl tags als auch nachts schlief er nur auf mir und den Großteil des Tages verbrachte er im Tragetuch oder auf meinem Arm. Problematisch wurde das nicht nur, weil man ganz schwer einhändig ein Butterbrot für das ältere Kind schmieren oder mit Tragetuch duschen gehen kann, sondern auch, weil ich irgendwann einfach auch gern mal fünf Minuten haben wollte, in denen mich der kleine Wurm nicht vollkommen und komplett körperlich vereinnahmte. Natürlich wollte ich ihm all die Nähe geben, die er so dringend zu brauchen schien, aber wenn er gerade wegen Bauchweh, Müdigkeit oder allgemeiner Verstimmung stundenlang am Stück geschrien hatte, fiel es mir emotional oft schwer, ihn mir auch dann noch Stunde um Stunde so eng wie möglich umzuschnallen.

Jetzt, wo beide aus der Säuglingsphase raus sind, haben sich sowohl Noahs Kuschelverweigerung als auch Nicos Klammeräffchen-Dasein absolut relativiert. Während Nico in seinem Entdeckerdrang gerade nicht weit genug von mir wegrobben kann, um zu versuchen, ob diese tollen kleinen Kügelchen im Blumentopf nicht vielleicht doch essbar sind, fordert Noah meist schon in der Früh, dass er jetzt „kuscheln mag“. Rückblickend war also bei beiden die ganze Aufregung umsonst.

Nur weiß ich jetzt, wo ich beides erlebt habe, dass ich sicher keine Mama je mit einem verständnislosen „Gibt’s doch gar nicht!“ abtun werde. Sowohl ein Baby zu trösten, dass kein Fan von Körperkontakt ist, als auch bei einem absoluten Kuschelmonster selbst noch Luft zum Atmen zu behalten, sind beides an manchen Tagen unsagbar schwierige Aufgaben. Patentrezept habe ich leider weder für den einen, noch für den anderen Fall. Hilfreich ist in dieser Zeit aber auf jeden Fall der liebe Göttergatte. Im einen Fall bekommt er das kuschelsüchtige Kind einfach mal selbst umgeschnallt und im anderen? Muss er halt für die Schmuserei herhalten.